Bettina-von-Arnim-Forum
Sprachverderbnis - Eine Quelle der Heiterkeit?
„Caesar non supra grammaticos“
„Nein, auch der berühmte Feldherr und römische Kaiser Caesar steht nicht über der Grammatik“, erklärte Klemens Weilandt aus Celle vor gut 100 Zuhörern in der Fritzlarer Ursulinenschule. Im Rahmen des Bettina-von-Arnim-Forums hielt er einen Vortrag unter dem Titel „Sprachverderbnis – Eine Quelle der Heiterkeit?“, in dem es um grammatikalische Kniffe der deutschen Sprache ging. Der ehemalige Lehrer hatte genügend Anschauungsmaterial vorbereitet, das für einiges Lachen aber auch Stirnrunzeln unter den Zuhörern sorgte.
Klemens Weilandt ist studierter Historiker und arbeitete lange Zeit als Lehrer. Nach seiner Verabschiedung in den Ruhestand widmete er sich einem neuen Thema: Der Sprachkritik. Ihm ginge es dabei nicht um moderne sprachliche Erscheinungen wie Anglizismen oder das Denglisch (Vermischung deutscher und englischer Vokabeln), obwohl gerade auch die Verwendung englischer Begriffe zu Irritationen führen könne. Der im Zuge der Fußballweltmeisterschaft 2006 eingeführte Begriff „Public Viewing“ bedeute im Englischen die öffentliche Aufbahrung eines Toten zur letzten Ehrerbietung.
Weilandt geht es vor allem darum, die Verständigungsfunktion der Sprache zu erhalten, wie er mehrfach mit Nachdruck betonte. Die Verständigungsfunktion könne nur über den korrekten Gebrauch der Grammatik gewahrt werden. Er zitierte in diesem Zusammenhang einen Satz auf einem Hinweisschild, wie er auf vielen Parkplätzen der Bundesrepublik zu lesen sei: „Wer hier parkt, wird kostenpflichtig abgeschleppt“. Mit ironischem Fingerzeig und unter dem Gelächter der Zuhörer erklärte der Oberstudienrat: „Die Autos werden doch abgeschleppt und nicht die Menschen, die sie dort geparkt haben.“
Auch die Kombination zweier grammatikalisch einwandfreier Sätze könne zu Missverständnissen führen. Nostalgisch berichtete er von einer Entschuldigung, die ihm ein Junge überreichte. Darin war zu lesen: „Karsten konnte gestern nicht zur Schule kommen. Das Schwein wurde geschlachtet.“
Zu seiner Pensionierung hatte Weiland viele Bücher geschenkt bekommen. Darunter auch eine Biografie über Theodor Mommsen, den Literaturnobelpreisträger von 1902. „Die Fehlerhaftigkeit dieser Biographie hat mich letztendlich dazu bewogen, mich fehlerhaftem Deutsch im Alltag zuzuwenden. Meine Frau gab mit dann den Tipp ein Buch darüber zu verfassen.“ Mittlerweile hat er zwei Bücher herausgebracht, die auf heitere und teilweise erstaunende Weise grammatikalische Fehler ans Tageslicht bringen. 2005 erschien das erste Werk unter dem Titel „Deutsch – oder so“. 2008 folgte mit „Blütenlese“ eine amüsante Sammlung von „Sprachglossen“. Recherchegrundlage bilde die Lektüre, die er tagtäglich zu Gesicht bekomme. Dazu zählen insbesondere die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. In der Tat hat der „Missionar“, wie er sich mit ironischem Anklang selbst bezeichnete, genügend Irrwege im grammatikalischen Labyrinth des Deutschen aufgezeigt und reichlich Beispiele von mitunter auch berühmten Journalisten wie Petra Gerster vom heute-Journal (ZDF) oder Sportmoderatorin Monica Lierhaus (ARD) gesammelt.
„In Deutschland werden noch in diesem Jahrhundert die Sprachen Niederdeutsch, Friesisch, Sorbisch und Alemannisch aussterben“, erklärte Weilandt: „25 werden es in Europa sein und ganze 1000 weltweit.“ Diese Tatsache bilde eine Gefahr für die kulturelle Identität eines ganzen Volkes, denn mit der Sprache sterbe auch die Kultur. In diesem Zusammenhang zitierte er Maria Michalk, eine sorbische CDU-Abgeordnete im deutschen Bundestag, die sagte: „Nur über die Sprache kommt man zur Seele eines Volkes.“ Auch die deutsche Sprache sei in der Gefahr auszusterben, denn vor allem Nachlässigkeit und Imponiergehabe der Journalisten-Elite führe zur Aufweichung grammatikalischer Konturen und zur Sinnentleerung vieler Formulierungen. Weilandt benutzte dafür provokant den Ausdruck „Blähdeutsch“. Dieses Phänomen trete vor allem bei sinnlosen Doppelungen auf. Beispiele gefällig? Mit der „reinigenden Katharsis“, den „unvereinbaren Antipoden“, der „letzten Generalprobe“ oder der „Zukunftsprognose“ lieferte er erstaunliche Belege. „Katharsis bedeutet Reinigung, Antipoden sind immer unvereinbar, eine Generalprobe ist immer die letzte Probe und die Prognose, heißt Prognose, weil sie eine Aussage über die Zukunft trifft“, erläuterte der Oberstudienrat mit einem Augenzwinkern. Doch er machte auch auf weniger heitere Fälle aufmerksam. Auf einer Schärpe eines Blumenkranzes, der von der SPD bei einer Trauerfeier niedergelegt wurde, waren zwei Sätze abgedruckt: „Wider dem Vergessen. SPD gedenkt den Opfern.“ Grammatikalisch korrekt formuliert muss es heißen: „Wider das Vergessen. SPD gedenkt der Opfer.“ „Für oberste Volksvertreter ist das beschämend“, sagte der Pensionär ernsthaft.
Darüber hinaus bildet die falsche Anwendung des Apostrophs eine große Fehlerquelle. Zu häufig lese man Formulierungen wie „Inge`s Salon“ oder „Das Hotel in der Nähe des Park`s.“ In beiden Fällen darf das „s“ nicht apostrophiert werden. Ein weiteres Stilmerkmal fehlerhaften Deutschs ist die falsche Verwendung von bildhafter Sprache. Vor allem Politiker reden gerne in Bildern. Das führe dann zu Fehlern, wenn von dem „Spagat, den wir gegangen sind“ (Torsten Schäfer Gümbel im ZDF) oder der „öffentlichen Hand [...] die Milliardenbürgschaften [...] auf sich nimmt“ (Roland Koch in der FAZ) die Rede ist. Die dritte große Fehlerquelle sei die falsche Verwendung von Verben. „Susanne Klatten wurde nicht zur Zahlung einer Geldsumme bewegt, sondern bewogen“, erklärte Klemens Weilandt.
Mit vielen weiteren solcher Beispiele, die der Korrektheit halber immer mit der Quellenangabe versehen waren, führte er die Schüler der Ursulinenschule und Interessenten zwei Stunden lang in humorvoller Manier auf die Irrwege der deutschen Sprache, aber stets, um auf Fehler aufmerksam zu machen. Denn Fehler seien zum Lernen da. „Wir müssen es mit Botho Strauß halten, der einmal sagte, wir müssten unsere Sprache schützen wie unsere Gewässer.“ Mahnend fügte Weilandt hinzu: „Vor wenigen Jahren waren die Seen in Norddeutschland abscheulich verdreckt.“
„Mir geht es darum, die deutsche Sprache wieder in das Bewusstsein der Menschen zu rücken und diese für die richtige Anwendung der Artikel, der vier grammatikalischen Fälle oder des Konjunktivs zu sensibilisieren.“ Auch in Zukunft wird sich der engagierte Sprachschützer auf die Jagd nach Fehlformulierungen, Blähdeutsch und Sprachmüll begeben, denn niemand stehe schließlich über der Grammatik.
Tobias Dunz (Chefredakteur Xpress)
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